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Der Großherzog und die Armutsgrenze

Aktualisiert: 30. Juni 2023

Offener Brief an Großherzog Henri



Sehr geehrter Herr Henri, Großherzog durch das Verdienst Ihres Vaters. Ich möchte Ihnen meinen Respekt ausdrücken. Den gleichen Respekt den ich gegenüber dem Postboten, dem Klempner, der Hausfrau, dem Schüler, den Männern der Müllabfuhr, also kurz gesagt, jedem Menschen gegenüber verspüre. Ich richte mich dabei nicht nach Leistung, Bildungsstand, Reichtum oder Titel, aus meiner Sicht sind wir Menschen alle gleich. Wenn ein Bettler in der Hauptstadt mich um ein Almosen bittet, habe ich die freie Wahl, ob ich seiner Bitte nachkomme oder nicht. Die Presse informierte mich, dass Ihnen von meiner Steuerabgabe jährlich 29 € zukommen würden. Wenn man bedenkt, da dieser Betrag pro Kopf errechnet wird, Kinder, Hausfrauen und andere Bürger ohne Einkommen einbegriffen, dann würde ich doch gerne wissen, wie hoch der reelle Beitrag ist. Ich wurde dazu nie befragt, auch nicht von unserem Großmeister der Volksumfragen, Herrn Bettel, der auszog um die Schweizer in ihrer Domäne das Gruseln zu lernen. In meinen Augen ist das staatlich geförderter Diebstahl.


Dass Sie als Werbefigur für Luxemburg mit Erfolg die ganze Welt bereisen um andere Länder auf unsere Vorteile aufmerksam machen und es dadurch zu wichtigen Geschäftsverbindungen kommt, finde ich klasse. Dass Ihnen zusätzlich zu den großen Empfängen mit kulinarischen Köstlichkeiten der jeweiligen Völker für Ihre berufliche Tätigkeit ein angemessenes Diplomatengehalt zukommt, ist eine Selbstverständlichkeit. Lieber Herr Henri, im Haushaltsplan der Regierung sind 19,3 Millionen vorgesehen für Ihren Unterhalt von Haus und Hof. Ich gehe davon aus, dass Sie über die Zustände in Luxemburg gut informiert sind, auch darüber, dass viele Familien am Rande der Armutsgrenze leben. Diese Menschen sind meist in ärmlichen Wohnungen untergebracht und wenn Reparaturen fällig sind, schreiten sie selbst zur Tat oder müssen den Handwerker entlohnen ohne Zuschuß vom Staat. Im allgemeinen ist es angebracht, wenn jemand zwei Häuser besitzt, deren Unterhalt finanziell nicht mehr tragbar ist, dass er eines davon verkauft.


Sie, Herr Henri, sind ein gestandener Mann und es müßte Ihnen doch möglich sein, Ihren Unterhalt aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Im Internet kann jeder nachlesen, dass Sie über ein Vermögen von 4 Milliarden verfügen. Wenn Ihnen Ihre Schlösser zu teuer werden, dann denken Sie doch bitte mal über den Verkauf einiger Ihrer Immobilien nach. Sie würden dem Luxemburger Volk einen großen Gefallen tun und Ihrem im Laufe der Jahren etwas angegriffenen Image eine neue Politur verschaffen. Ich bin mir sicher, dass Sie manchmal ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie darüber nachdenken, ob die Summe von 19,3 Millionen, nicht doch etwas zu hoch ist, da das Geld anderswo fehlt. Sie müssen sich bewußt machen, dass es durch den Schweiß des arbeitenden Volkes mühsam zusammengetragen wurde. Dass Sie rein zufällig in eine goldene Wiege hineingeboren und in den Traditionen des Mittelalters erzogen wurden, sollte Sie nicht daran hindern, mit dem Mittelalter abzuschließen und dem Volke das zukommen zu lassen, was ihm gehört.


In unserem Steuersystem gibt es noch manche Ungerechtigkeit, die nach Aussage der Finanzministerin kurzfristig nicht beseitigt werden können, wegen Geldmangels. Auch unser Gesundheitssystem ist eine brachliegende Baustelle, deren Finanzierung noch Millionen verschlingen wird. Es müßte für die Politiker erstes Gebot sein, sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Bürger zu machen, zu einem Zeitpunkt, wo es in den Krankenhäusern an Ärzten und Personal fehlt. Ich sehe dieses Geld auf jeden Fall in dem Kontext als wichtiger angelegt, als es an die wohlhabende Monarchie zu verschenken.


Das Land ist gespaltet was den Weiterbestand dieser Monarchie anbelangt. Manche Menschen genießen die Romantik eines Fürstenhauses. Es ist für viele Touristen eine Reise wert und sie sind bereit viel Geld zu investieren um nur einen einzigen Blick auf eines Ihrer Familienmitglieder zu werfen. Sollten diejenigen Luxemburger die weiterhin auf eine millionenschwere Unterstützung Ihres Luxuslebens bestehen, doch einen Fanclub gründen. Wer weiß, vielleicht könnten Ihre Bewunderer aus eigenem Vermögen den Jackpot der 19,3 Millionen knacken.


Lieber Herr Henri, Sie müssen bedenken, dass sie durch Ihre Lebensweise nicht zum Volk gehören. Sie stehen ausserhalb. Sollte es Ihnen aber wichtig sein, zu einem Bestandteil unserer Gesellschaft zu werden, dann liegt es an Ihnen den ersten Schritt zu unternehmen. Wir werden Sie und Ihre Familie unter anderen Bedingungen gerne in die Arme schließen.


Ich bin mir sicher, dass die Regierung, die ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt die Flügel beschnitten hat, sie dann auch von dem Bann befreien wird, der Ihnen auferlegt wurde. Sie werden demnächst wie jeder andere Bürger das Recht haben, Ihre Meinung zum politischen Geschehen frei äußern dürfen. Es muss doch erniedrigend sein, den Titel eines Monarchen zu tragen, dem jede politische Meinungsäusserung untersagt ist.


Ich möchte mich auf jeden Fall bereits im Voraus für Ihr Entgegenkommen bedanken.


Mit herzlichen Grüßen.


Ben Schultheis

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